von Oliver Dalichau, Friedrich-Ebert-Stiftung

11.09.2009 | 10:42 Uhr

Herzlich willkommen in Antananarivo, oder „Tonga soa eto Madagasikara“

Madagaskar ist die viertgrößte Insel der Welt. Neben Lemuren und Chamäleons ist die Insel immer wieder weder ihrer Naturschönheiten, aber auch wegen anhaltender Armut, politischen Querelen und dem Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen im Gespräch.

Thüringen ist weit, weit weg von Madagaskar. Weit weg von seinen Problemen, seinen Sorgen, seinen Hoffnungen und Perspektiven. Dennoch finden sich hier wie dort Menschen, die mehr aus ihrem Land machen wollen. Menschen, die an die Demokratie glauben. Menschen, die überzeugt sind, dass soziale Gerechtigkeit mehr ist, als der Wohlstand weniger. Sie wollen, dass der Reichtum des Landes gerecht verteilt wird, damit sie und ihre Kinder eine bessere Zukunft haben.

Aktuell erlebt Madagaskar eine schwierige Umbruchphase. Nach wochenlangen Protesten Anfang des Jahres trat Staatspräsident Marc Ravalomanana – unter dem Druck aus Teilen der Armee – Mitte März von allen politischen Ämtern zurück. Anschließend wurden die Befugnisse des Staatsoberhauptes an den jungen, ehemaligen Bürgermeister, Andry Rajoelina, der Hauptstadt übertragen. Wie es politisch, sozial und gesellschaftlich weitergehen wird, ist dagegen noch immer nicht klar (mehr dazu unter: http://library.fes.de/pdf-files/iez/06280.pdf oder http://library.fes.de/pdf-files/iez/06248.pdf).

Eine spannende Zeit also, insbesondere für eine politische Institution wie die Friedrich-Ebert-Stiftung. Gemeinsam mit einer Vielzahl an Partnerorganisationen der Zivilgesellschaft arbeiten wir an der Festigung demokratischer Strukturen im Land. Dazu bedienen wir uns dem breiten Repertoire gesellschaftspolitischer Bildung. Jedes Jahr bilden wir z.B. im einjährigen „Youth Leadership Training Program“ (YLTP) 25 junge Frauen und Männer für künftige Verantwortungspositionen aus. Die Themen in den 3-5tägigen Seminaren reichen von „Regionaler Integration“, über „Gender und Gleichberechtigung“ bis hin zu „Wirtschaft“ und „Außenpolitik“. Ein eigens in Zusammenarbeit mit den madagassischen Gewerkschaften konzipiertes Ausbildungsprogramm, dem „Netzwerk junger ArbeitnehmerInnen“ (RJT) rückt besonders Themen der Mitbestimmung, der internationalen Arbeitsnormen und ihre nationale Umsetzung, der gewerkschaftlichen Organisation und der Verhandlung mit den Arbeitgebern in den Mittelpunkt. Beide Programme sind einzigartig im Land und jedes Jahr bewerben sich mehrere hundert junge Menschen zwischen 20 – 35 Jahre auf die zu vergebenen Plätze. Sie eint dabei der Wunsch, mehr zu lernen, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren und mehr Verantwortung in ihrer Partei, ihrer Gewerkschaft, ihrer Organisation oder in ihrem beruflichen Umfeld zu übernehmen. Eine spannende und interessante Aufgabe in einem Land, das jungen Menschen es nicht gerade leicht macht, eigene Positionen zu vertreten und in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden! Politische Entscheidungen finden meistens hinter verschlossenen Türen statt, offene Diskussionen über das für und wider politischer Entscheidungen oder eine „kritische und aufgeklärte Masse“ gibt es im präsidentiellen Regierungssystem Madagaskars so gut wie nicht. Wert legen wir daher auch darauf, dass die TeilnehmerInnen an unseren Programmen nicht allein aus der Hauptstadt des Landes kommen, sondern möglichst alle Landesteile und Bevölkerungsgruppen vertreten.

In der aktuellen Übergangsphase in die IV. Republik beteiligen sich die Partner der Friedrich-Ebert-Stiftung aktiv an der Neugestaltung der staatlichen Institutionen. In Konferenzen mit dem Frauennetzwerk und dem „observatoire genre“ (www.simiralenta.org) thematisieren wir immer wieder Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter und die möglichen Auswirkungen neuer Gesetzesvorhaben auf Frauen und Männer. Dabei ist es für uns wichtig, über den Tellerrand hinaus zu schauen und Erfahrungen aus anderen Ländern der Region aufzugreifen: Gemeinsam mit Abgeordneten aus dem Parlament von Mauritius stellen wir regelmäßig den Entwicklungsweg der Nachbarinsel im Indischen Ozean in Madagaskar zur Diskussion und laden zu Debatten darüber ein. Die anstehende Verfassungsreform begleiten die Friedrich-Ebert-Stiftung und die nationale Organisation der Wahlbeobachter (KMF/CNOE) mit verschiedenen Beratungsleistungen: so „übersetzten“ wir die aktuelle Verfassung in ein Comic und ermöglichen so einer größeren Gruppe der Bevölkerung, sich mit diesem Text auseinander zusetzen. Gemeinsam mit verschiedenen Menschenrechtsgruppen und mit Unterstützung von Amnesty International Mauritius organisierte die Stiftung eine nationale Konferenz über die Situation von Menschenrechten in der politischen Krise.

Die nächsten Wochen und Monate werden für Madagaskar entscheidend sein. Wird es den politischen Akteuren gelingen, einen nationalen Konsens zu schmieden, der das Land aus seiner Armutsfalle herausholen kann? Eine Lösung der komplexen Probleme des Landes wird es nicht über Nacht geben, viel eher ist das Land auch weiterhin auf die Unterstützung seiner Freunde angewiesen. Den politischen Prozess gilt es daher weiter zu unterstützen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung will und wird dafür auch in Madagaskar weiterhin ihren Beitrag leisten.

Oliver Dalichau, bis 2006 Referent im Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Thüringen, leitet seit drei Jahren das Büro der Stiftung in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo.

Oliver Dalichau

Friedrich-Ebert-Stiftung

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