von Sascha Münzel, Historiker

19.10.2011 | 14:14 Uhr

Plädoyer für eine Gedenktafel „Erfurter Parteitag 1891“

Thüringen galt einst als Hochburg der organisierten Arbeiterschaft. In den Thüringer Kleinstaaten sowie in den preußisch-thüringischen Gebieten (besonders in den Städten Erfurt, Mühlhausen und Nordhausen) hatte sich, basierend auf einen mannigfaltigen Transformationsprozess, ein durch die Sozialdemokratie und den Gewerkschaften getragenes Arbeitermilieu entwickelt, welches über ein vielfältiges Organisationsnetzwerk verfügte und sich über ein sinnstiftendes Gemeinschaftsgefühl definierte. Folgerichtig hat Rudolph Karsten herausgearbeitet, dass sich Thüringen zu dieser Zeit zu einem „regionalen Zentrum der mitteleuropäischen Arbeiterbewegung" entwickelte.1 Aufgrund seiner günstigen geografischen Lage und der bereits gut ausgebildeten Parteistrukturen vor Ort, fanden in Thüringen wegweisende Parteitage der organisierten Arbeiterschaft statt: So trafen sich im August 1869 Delegierte, um die stark von der marxistischen Theorie beeinflusste „Sozialdemokratische Arbeiterpartei" (SDAP) in Eisenach zu gründen. Sechs Jahre später, im Mai 1875, fusionierten die beiden damals existierenden Arbeiterparteien, also der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein" (ADAV) und die SDAP, zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" (SAPD). Das gleichzeitig verabschiedete „Gothaer Programm" stellte zudem einen ersten Versuch dar, marxistische Theorie und lassalleanische Elemente zu verbinden. Als letzte politische Großveranstaltung ist der „Erfurter Parteitag" zu nennen, der im Oktober 1891 unter Beisein promintenter Parteiführer stattfand und einen weiteren Meilenstein in der Geschichte der deutschen sowie europäischen Sozialdemokratie darstellte.

Im Zuge der „Friedlichen Revolution" von 1989/90 konnten sich die drei Versammlungsorte, nämlich der „Goldene Löwe" in Eisenach, das „Tivoli" in Gotha und der traditionsreiche „Kaisersaal" in Erfurt, vom ideologischen Ballast einer von der SED vorgegeben Historiografie und Gedenkkultur befreien. Im Gegensatz zur Thüringischen Landeshauptstadt ist es engagierten BürgerInnen und SozialdemokratInnen in den darauf folgenden Jahren gelungen, in Eisenach und Gotha, die Erinnerung an die politischen Großveranstaltungen am Leben zu erhalten und unter neuen Konzepten und Gesichtspunkten in der Berliner Republik zu institutionalisieren. Besucht man als Interessierter die Internetseiten des „Fördervereins Gothaer Tivoli e.V." oder die des Trägers der Gedenkstätte „Goldener Löwe"2, die „August-Bebel-Gesellschaft", so fällt ins Auge, dass beide Institutionen mit Stolz die Rolle als zentrale Erinnerungsorte der deutschen Sozialdemokratie betonen und gleichzeitig die Versammlungsorte „...für das Heute und Jetzt lebendig halten und allen demokratisch gesinnten Menschen öffnen."

Anfang September 2011 veröffentlichte der Erfurter Historiker Steffen Raßloff einen Artikel in der „Thüringer Allgemeinen", in dem er die Geschichte des Kaisersaals sowie des „Erfurter Parteitages" skizzenartig nachzeichnete. Raßloff unterstrich im Besonderen den Aspekt, dass nach der Auflösung der DDR-Gedenkstätte „Erfurter Parteitag" und der Demontage der dazugehörigen marmornen Gedenktafel an der Fassade des Kaisersaals, bis zum heutigen Zeitpunkt „...nichts auf den Erfurter Parteitag von 1891" hinweist.4 Die Erfurter Sozialdemokratie will diesen Missstand ändern und dazu beitragen, dass an den „Erfurter Parteitag 1891" in würdiger Weise erinnert und somit der historische Ort noch bewusster in der Reihe der mitteleuropäischen Erinnerungsorte der Arbeiterbewegung wahrgenommen wird.

Doch was machte den „Erfurter Parteitag 1891" zu einem solch bedeutenden Ereignis? Vom 14.-20. Oktober 1891 versammelten sich die prominenten Parteiführer der Sozialdemokratie (u.a. August Bebel, Wilhelm Liebknecht, Eduard Bernstein, Karl Kautsky, Paul Singer) und Delegierte aus dem gesamten Deutschen Reich im historischen Erfurter „Kaisersaal", um sich nach den Verfolgungswellen des Bismarckschen Sozialistengesetztes (1878-1890) und der damit verbundenen Illegalität zunächst neu organisatorisch aufzustellen. In einem weiteren Schritt suchten die divergierenden ideologischen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie nach Antworten auf die Fragen, die im Zuge der sich rasch verändernden Lebens- und Arbeitswelten aufgeworfen wurden. Das Ergebnis war das richtungweisende „Erfurter Programm" - ein Versuch marxistische Ordnungselemente mit einem realpolitischen Reformprogramm zu verbinden. Ferner wurde der neue Name „Sozialdemokratische Partei Deutschlands" (SPD) im verabschiedeten Programmentwurf festgeschrieben. Erfurt wurde damals nicht ohne Grund als Austragungsort auserkoren: Die günstige geografische Lage als Bahnknotenpunkt in der Mitte des Deutschen Reiches sowie die bereits vorhandenen gut ausgebauten Parteistrukturen in der damals 73.000 Einwohner zählenden Stadt, sprachen damals für die heutige Thüringische Landeshauptstadt.

Unsere lebens- und liebenswerte Heimatstadt Erfurt ist ein Traditionsort der deutschen Sozialdemokratie. Dieser großen Verantwortung ist sich die Erfurter SPD bewusst: 1911 wurden die ersten beiden Sozialdemokraten, der Schuhmacher Karl Gaßmann und der Gewerkschaftsfunktionär August Nowag, in die Erfurter Stadtverordnetenversammlung gewählt. Seit 1998 vertritt Carsten Schneider den Wahlkreis Erfurt (und ab 2005 auch Weimar) im Deutschen Bundestag. Mit Andreas Bausewein steht seit 2006 erstmals ein Sozialdemokrat an der Spitze, der mit Abstand größten Stadt des Freistaats Thüringen. Die Erfurter SPD beginnt zunehmend ihre eigene Geschichte bewusst zu erkunden. Dabei erscheint der 120. Jahrestag des „Erfurter Parteitages 1891", welchen wir im Oktober 2011 begehen, als eine ausgesprochene Chance. Der „Erfurter Parteitag" von 1891 stellt einen Meilenstein der nationalen und internationalen Geschichte der organisierten Arbeiterbewegung dar. Es liegt nun an uns, der Erfurter SPD, diesem Sachverhalt Rechnung zu tragen. Das Anbringen einer Gedenktafel am historischen Tagungsort „Kaisersaal" wäre ein erster Anfang.

Sascha Münzel

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