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29.01.2010 | 18:15 Uhr
20 Jahre Erfurter SPD
Am Mittwoch, dem 20. Januar 2010 lud die Erfurter SPD zu einer Festveranstaltung in die Michaeliskirche. Anlass hierfür war der 20. Jahrestag des Gründungsparteitages, der im „Klubhaus der Energiearbeiter“ stattgefunden hatte.
Bereits am 9. November 1989 – am Abend des Mauerfalls – trafen sich mutige Frauen und Männer im Keller des Gemeindehauses der Reglergemeinde, um eine Erfurter Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) zu gründen. Die wesentlichen Impulse hierfür setzten Hans Capraro – ein Erfurter Pfarrer im Ruhestand – und das Ehepaar Winfried und Marilene Bornemann. Beide waren im Gefolge des Arbeiteraufstandes am 16./17. Juni 1953 wegen systemkritischer Aktivitäten inhaftiert und zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden.
An der Gründungsversammlung der Ortsgruppe, die direkt an eine der so genannten „Donnerstagsdemonstrationen“ anschloss, nahmen etwa 20 Personen teil. Gemäß den gültigen SDP-Statuten wurde damals ein provisorischer Sprecherrat gewählt. Zum ersten Sprecher bestimmte man Frank Meyer, zweiter Sprecher wurde Sebastian Cebe, Martina Kraatz übernahm die Funktion der Kassiererin.
In den darauf folgenden Wochen vollzog sich der schrittweise organisatorische Aufbau, vor allem durch die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle im Gemeindehaus der Predigergemeinde sowie die Formierung neuer Basisgruppen. In zahlreichen Gesprächen mit Erfurter Bürgerinnen und Bürgern im Rahmen regelmäßiger Sprechstunden gelang es, viele neue Mitglieder zu gewinnen. Die Phase des Umbruchs, die durch große Euphorie und permanente Veränderungen geprägt war, führte allerdings auch dazu, dass einige die Partei schnell wieder verließen.
Einen wesentlichen Anteil an der organisatorischen Stabilisierung hatten viele Helfer aus dem SPD-Bezirk Hessen-Nord, allen voran der damalige Landtagsabgeordnete für Kassel-Land, Dr. Udo Schlitzberger, sowie der damalige Bezirksgeschäftsführer Friedrich Karl Felmer. Dr. Udo Schlitzberger gehörte genauso zu den Ehrengästen des konstituierenden Kreisparteitages der Erfurter SPD am 20. Januar 1990 wie Rudi Arndt, der sich zum Jahreswechsel 1989/90 in die damalige Bezirksstadt umgemeldet hatte und fortan als Mitglied der Erfurter SPD vor Ort mit Rat und Tat zur Seite stand.
Im Saal des „Klubhauses der Energiearbeiter“ versammelten sich über 200 Parteimitglieder, die einen ersten regulären Unterbezirksvorstand wählten und die Delegierten für den Gründungsparteitag der Thüringer SPD benannten. Die Gründung der Thüringer SPD – des ersten Landesverbandes in der DDR – geschah eine Woche später an der historischen Ort des Vereinigungskongresses von ADAV und SDAP im Jahre 1875 – im Saal der Gothaer Traditionsstätte „Tivoli“.
Bei der Wahl zum ersten Unterbezirksvorsitzenden votierte die Erfurter Gründungsparteitag mehrheitlich für Horst Bechthum. Die Tagungsleitung lag in den Händen von Eike Schöneich und Peter Neigefindt. Die Grundsatzrede hielt – wie auch wenige Tage später im Gothaer „Tivoli“ – Frank Meyer. Er leistete in der Aufbauphase vor alle dadurch einen maßgeblichen Beitrag, dass er die Räumlichkeiten des Kreisbaubetriebs Erfurt-Land, dessen Geschäftsstelle sich am Anger befand, zeitweilig für die Partei zur Verfügung stellte. Dort trafen sich regelmäßig der provisorische Sprecherrat und die einzelnen Vertreter der Erfurter Basisgruppen.
Mit der Formierung einer Erfurter Ortsgruppe der SDP im November 1989 und dem nachfolgenden Gründungsparteitag im Januar 1990 öffneten die Beteiligten ein neues Kapitel in der wechselvollen Geschichte der Erfurter Sozialdemokratie. Auch die Zeit seit 1990 war durch Höhen und Tiefen geprägt. Heute darf man aber mit Stolz darauf verweisen, dass die Erfurter SPD erstmals in ihrer langen Parteigeschichte einen frei gewählten Oberbürgermeister in der Landeshauptstadt und zugleich die mit Abstand größte Fraktion im Stadtparlament stellt und seit ihrer Neugründung stetig an Parteimitgliedern hinzugewonnen hat.
Das Jubiläum des Erfurter Gründungsparteitages bot einen geeigneten Anlass, um im feierlichen Rahmen an die historische Leistung der Frauen und Männer der ersten Stunde zu erinnern und ihnen Dank zu sagen. Der Kreisvorsitzende, Dr. Holger Poppenhäger, würdigte in seiner kurzen Ansprache die hohe persönliche Einsatzbereitschaft der zweiten Gründergeneration, die damals ohne Rücksicht auf die eigene Person Risiken auf sich nahm.
Marilene Bornemann dankte im Namen der Erfurter SPD dem Ehrengast Dr. Udo Schlitzberger für den unermüdlichen Einsatz und das große Engagement der hessischen Genossinnen und Genossen. Ohne deren Hilfe wären der erfolgreiche organisatorische Aufbau und der leidenschaftlich geführte Volkskammerwahlkampf nicht möglich gewesen. Der ehemalige Landtagsabgeordnete und langjährige Landrat des Landkreises Kassel-Land zollte wiederum den Erfurter Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten für ihren Kampfgeist und ihr Durchhaltevermögen Respekt. Trotz zahlreicher Wahlniederlagen, insbesondere im Jahr 1990, hätten sie beharrlich weiter gearbeitet und könnten dafür nun den verdienten Lohn ernten.
In der abschließenden Gesprächsrunde, der neben Dr. Udo Schlitzberger auch der ehemalige Erfurter Volkskammerabgeordnete Dr. Frank Wietschel und der ehemalige Erfurter Stadtrat Uwe-Jörg Hörschelmann angehörten, wurde zudem der Blick in die Zukunft gewandt. Alle waren sich einig, dass sich die SPD keine Denkverbote auferlegen dürfe. Koalitionen müssten aus eigener Stärke heraus eingegangen und das Profil als Arbeitnehmerpartei und Hüterin der sozialen Gerechtigkeit wieder geschärft werden. Einigkeit bestand ebenso in der Überzeugung, dass die bundesdeutsche Gesellschaft mehr denn je eine starke sozialdemokratische Kraft benötige.


